Druckversion Sitemap Startseite Kontakt
Willkommen
Der Infograf.
Der Künstler.
Der Dichter.
Der Bassist.
Der Kontakt.
Das Archiv.
zu Facebook ...
 zurück




Kunst die sich distanziert

Kunst, die sich distanziert

Kamil Dakowicz und Christian Hof sagen: »allemüssendraußenbleiben«

Kempten - "Wir wollen zeigen: Die Kunst hat sich zurück gezogen." Christian Hof ist eigentlich Mathematiker. Und Mensch, wie er sagt. Und nebenbei hat er seinen Alltag zur Kunst gemacht. Seine Gedanken drückt er in einmaligen Tastenkombinationen aus, die in der Größe von bis zu 50 auf 60 Zentimetern an der Wand hängen. Oder in Anfahrtsbeschreibungen für Liebe, Glück und Wahrheit. Oder über den Luminanzraum eines Farbfotos. Zu sehen sind diese Werke derzeit im Künstlerhaus in Kempten. Allerdings nur durch Gucklöcher in Wand und Türe. Denn die Kunst hat sich zurück gezogen. "Um die Distanz, die zwischen Kunst und Betrachter entstanden ist, geht es uns", erklärt Kamil Dakowicz . Der Kunststudent aus Stuttgart zeigt seine Drucke ebenfalls nur durch die Löcher in der Wand.

"Die Kunst wird immer mehr zum Social Event", kritisiert Ulrich Schwab . Rund 80 Prozent der Motivationsschübe sich Kultur anzusehen, liegen im kommunikativen Bereich. "Nebenbei nimmt man dann noch Kunst oder Theater mit." Der gebürtige Stuttgarter gründete das Musische Zentrum Altusried, war unter anderem fast zehn Jahre Generalintendant des Nationaltheaters Mannheim und wenige Monate als kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Musicals Ludwig2 im Festspielhaus Neuschwanstein tätig. Vergangene Woche hatten ihn Christian Hof und Kamil Dakowicz eingeladen, im Rahmen der Vernissage zur Ausstellung "allemüssendraußenbleiben" einige Worte an die Besucher zu richten. "Bei einer Vernissage stehen wir uns eher im Weg, verstellen somit die Kunst. Wir sollten wieder das, weshalb wir hier sind, zum Eigentlichen machen", fordert der erfahrene Theatermensch. Die Erfahrung, von der Kunst ausgesperrt zu sein, kann derzeit im Künstlerhaus jeder machen.

Die Ausstellung durchs Guckloch ist auch ein Marketing-Gag, räumt Hof ein. Daneben begegnen die beiden Künstler jedoch vor allem dem Trend der schwindenden Besucher während einer Ausstellung. "Bei den Vernissagen kommen die Leute noch, sonst eher selten", hatte auch Schwab festgestellt. Aus dieser Entwicklung habe sich vor allem ein finanzielles Problem entwickelt, schließlich müsse die Ausstellung betreut werden. "Für zwei, drei Besucher am Tag rechnet sich das leider nicht", erklärt Hof. Daher sei die Idee entstanden, die Werke nur durch Löcher in der Wand und Schlitze in der Tür zugängig zu machen. "Der Besucher kommt sich wie ein Voyeur vor", so der Informatiker. Dies sei auch durchaus beabsichtigt. Denn nur durch den Dialog zwischen Künstler und Betrachter bleibe die Kunst erst lebendig. Wo sich sonst immer der Betrachter aus diesem Dialog zurückzieht, tut es dieses Mal die Kunst.

Dakowicz ist in Danzig geboren und seit 20 Jahren in Deutschland. In Kempten stellt der Student seine ersten Arbeiten vor. Als Vorlage für seine Drucke verwendet er Schaumstoffplatten. Er spricht mit seinen Werken eine plakative Sprache, will auf die Probleme aufmerksam machen, die heute herrschen. Hof hat seinen Alltag zur Kunst gemacht. Durch seine Arbeit am Computer sind die "Bilder" entstanden, die ein Mosaik von hunderten einzelner Tasten einer Tastatur zeigen. Daneben zeigt er sich selbst. Sei es die elektronische Stimme, die seine Tagebucheinträge vorliest oder die "Architektur des Alltags", bei der er über 20 Tage hinweg seinen Tagesablauf dokumentiert hat. "allemüssendraußenbleiben" ist noch bis 30. November zu sehen - eben durch jene Löcher in Wänden und Türen im Künstlerhaus.

[07.11.06, Lea Fließ, Kreisbote]