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2010
Retro-Pole in der MetropoleSwing - Schwarzlicht - Stadtentwicklung[Live In, 03/2010] Soviel dauerhafter Schnee, wie uns Ende Januar das Sturmtief "Keziban" beschert hat, wurde in Deutschland zuletzt im Winter 1978/79 gesichtet (mal abgesehen vom Allgäuer Schneechaos November 2005 und März 2006). Was aber soll man an einem Wochenende unternehmen, das vom Schnee beherrscht wird, wenn man kein Skifahrer ist? Auch Roger Cicero äußert abends in der BigBox seine Bedenken, in dieser Nacht mit dem Auto noch erfolgreich nach München zu kommen. Schmunzelnd befürchtet er sogar, mit der Band auf der Bühne nächtigen zu müssen. Es bereitet große Freude, Cicero mit seiner lässig groovenden Big Band zuzuhören. Perfekt geplante Übergänge und witzige Ansagen sorgen für eine angenehme Atmosphäre und viel Gelächter. Nummern wie "Zieh die Schuhe aus", "Wenn sie dich fragt" und "Du willst es doch auch" die aus dem ersten Album "Männersachen" stammen, wurden in neuen und überraschenden Arrangements präsentiert, was das Publikum mit stürmischem Applaus honoriert. Hier zeigt sich die überragende Qualität der Melodien und Texte von Matthias Hass und Frank Ramond, die beide auch Annett Louisan zum Erfolg verholfen haben. Nostalgie zahlt sich aus in der modernen Welt von heute. Der stimmige Bühnenaufbau mit Treppenbogen und beweglicher Lichttraverse unterstützt die Dynamik der Show und für die nahen Momente sorgen zusätzlich zwei Kameras, deren Bild immer wieder an die Wand hinter der Big Band geworfen wird. Natürlich darf auch die inzwischen bei jedem Livekonzert einer Band obligatorische Unplugged-Einlage mit Cajon und Gitarren nicht fehlen. Im Fall Cicero überzeugt aber gerade der Bassist mit einem gelungenen Solo auf einem Akustik-Fretless-Bass. Das zum 20-jährigen Bandjubiläum der "Fanastischen Vier" interpretierte "Geboren" stellt einen weiteren Höhepunkt des Abends dar. Gut, dass der 2005 auf einem Best-Of Album erschienene HipHop Song eher unbekannt ist: Das Arrangement des Pianisten Lutz Krajenski macht die Nummer eindeutig zum Cicero-Song. Es folgt das in der Presse groß angekündigte "Star for a Day" Duett, bei dem Olga Weimann ein paar Zeilen besteuern darf, die mich allerdings nicht so richtig überzeugen. Aber da hat der Regionaleinwurf auch schon wieder die Bühne verlassen. Ob‘s für ein weiteres Foto in der lokalen Presse reicht? Vermutlich nicht. Mit den letzten Stücken nimmt die perfekt auf den Punkt treffende Band dann plötzlich rasant an Fahrt auf und Cicero greift nun auch mal selbst in die Tasten. Für "Murphy‘s Gesetz" wird am Ende dann sogar das gesamte Kemptener Publikum stimmlich für die Begleitung eingebunden. Besser kann man sich für ein kommendes Gastspiel nicht in Erinnerung halten. Auch ohne Ski kann man am darauffolgenden Tag zum Stadtbummel mühelos durch die schneebestäubte Stadt schlittern, um vom Forum bis hinab zu Reischmann dabei mitzuhelfen, dass Kempten auch weiterhin auf Platz 7 der umsatzstärksten Städte Deutschlands bleibt. Wenn erst das Mühlrad im Mühlbach-Quartier an der Galeria Kaufhof seine Runden drehen wird, klettert die Allgäu-Metropole sicherlich sogar noch unter die Top 5. Wir dürfen gespannt sein, was für Umsatzhochs sich aus der Asche der einstigen Einkaufs-Niere erheben werden, die sich früher mal vom alten Bahnhof bis zum Horten erstreckt hat. Danach bietet sich noch ein Besuch von Peter Hutters Kunstausstellung "Blaue Welten" in der Stadtsäge des AÜW an. Der Maler ist selbst anwesend und gibt bereitwillig Auskunft über seine handwerklich bestechenden Bilder, die er selbst der fantastischen Malerei zuordnet. Kulturell ist also doch einiges los in dieser Stadt, da darf man künftig aus Kostengründen schon auf das eine oder andere Museum verzichten. Ich freue mich bereits auf die Erasmus-Kapelle als kulturhistorische U-Bahn-Station am St. Mang Platz für häufigen Gedankenausflug in die große Welt der Archäologie. Am Abend setzt das Duo "Two In Tune" das musikalische Wochenende vor 500 Zuhörern in der kultBox fort. Gitarrist Dirk Horeths charmant unterhaltsame Moderation fällt hier genauso auf wie Sibylle Baldaufs kräftige Stimme. Sie hätte in meinen Augen auch als ernstzunehmende Duettpartnerin von Roger Cicero am Vorabend überzeugen können, wie ihre Interpretation von Annett Louisan Stücken eindrucksvoll demonstriert. Anschließend führt ein Preview-Besuch in den neuen Underground-Club "Numb". Wo vor 20 Jahren das Crash für Rocksound gesorgt hat, überraschen jetzt orangeverwobene Spinnennetze, Schwarzlook und Schwarzlicht. Dank "Sleeper in Metropolis" von Anne Clark fühlt man sich mit einem Schlag wieder in die späten Achtziger zurückkatapultiert. Mähnen, Mohren, Metallica. Mit weißem Hemd und Sakko steht man da doch am Ende als weiß wie Schnee strahlende Randfigur im Raum, die sich auf dem Nachhauseweg an jenen großen Winter 1978/79 erinnert, der mir als Kind dank meiner Wollhandschuhe nichts anhaben konnte. Die Wolle stammte aus dem Wollfachgeschäft Rödel am Rathausplatz. Aber das ist nun wirklich Schnee von gestern. Leider. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||